Zertifikatehandel
Informationen zusammengestellt von Andreas Becker
Für Eilige: Das Wichtigste kurz zusammengefasst
•Der heutige deutsche Zertifikatemechanismus, das „nationale Emissionshandelsystem“ (nEHS), beruht v.a. auf politischer Dimensionierung und nicht auf Deckelung und Bedarf. Nachdem er durch die Ukraine- / Gas-Krise eingefroren wurde, gibt es in den kommenden Jahren moderate Erhöhungen.
•In 2027 wird der CO2 Ausgleich durch Zertifikate in den Bereichen Verkehr und Gebäude ebenso wie schon heute in der Industrie in einen europäischen Zertifikatehandel überführt
•Der Übergang vom nationalen Emissionshandel zum EU ETS 2 im Jahr 2027 wird signifikante finanzielle Implikationen für die Bereiche Gebäude und Verkehr haben.
•Diese Umstellung soll zu einer Vereinheitlichung und Stärkung des Emissionshandels führen, was sowohl ökologische als auch ökonomische Effekte nach sich zieht.
•Die prognostizierten Kostenveränderungen betreffen vor allem den Betrieb von privaten Verbrenner-PKW und den Betrieb von privaten Wohngebäuden.
Das nEHS heute
•Das nEHS ist das nationale Emissionshandelssystem in Deutschland
•Es soll dafür sorgen, dass heute schon auch im privaten Gebäudebereich, in kleinen Unternehmen und dem Verkehr Anreize zum Einsparen von CO2 Emissionen gesetzt werden 5
•Die Zertifikate hier müssen von den Brennstoff-Produzenten gekauft werden,
um die am Ende entstehenden Emissionen bei der Verbrennung zu kompensieren. Diese Zusatzkosten werden an den Handel und danach die End-Verbraucher weitergereicht 5
•Das Prinzip ist abweichend zum „cap and trade“ (also ein System aus Verknappung und Handel) beim europäischen Zertifikate Handel. Hier sind die Preise in der Einführungsphase bis 2026 eher statisch von der Politik vorgegeben und das Volumen an Zertifikaten entspricht dem effektiven Bedarf, wird dann auf EU Ebene von der Bundesrepublik in den ETS ausgeglichen (kompensiert).
Somit gelten kaum Marktmechanismen, die finanziellen Folgen hoher Emissionen trägt der Staat gegenüber der EU. 5
Vergleich nEHS und EU ETS
Nationales Emissionshandelssystem (nEHS) für private Bereiche
Anwendungsbereich:
•Zielt auf die CO2-Emissionen aus dem Wärme- und Verkehrssektor ab.
•Betroffen sind vor allem private Haushalte und Verkehrsmittel, wie Heizungen in Wohngebäuden und Pkw
Funktionsweise:
•CO2-Preise werden für fossile Brennstoffe festgesetzt, die von privaten Haushalten und Verkehrsmitteln genutzt werden.
•Diese Preise erhöhen die Kosten für fossile Brennstoffe, was Anreize schafft, auf emissionsärmere Alternativen umzusteigen.
Umsetzung:
•Preise werden stufenweise eingeführt und erhöhen sich jährlich, um einen kontinuierlichen Anreiz zur Emissionsreduktion zu schaffen. Erlöse werden häufig zur Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen
Europäisches Emissionshandelssystem (EU ETS) für Industrie und Luftfahrt
Anwendungsbereich:
•Deckt große Emittenten in der Industrie, Energieversorgung und Luftfahrt ab.
•Fokus auf Kraftwerke, Fabriken, Stahlwerke und kommerzielle Luftfahrt innerhalb Europas.
Zielsetzung:
•Verringerung der Treibhausgasemissionen auf europäischer Ebene.
•Beitrag zur Erreichung der Klimaziele der EU, insbesondere der Reduktion von Emissionen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2050.
Funktionsweise:
•Ein „Cap-and-Trade„-System, bei dem eine Obergrenze (Cap) für die Gesamtmenge der Emissionen festgelegt wird.
•Unternehmen erhalten oder kaufen Emissionszertifikate, die sie für ihre Emissionen einlösen müssen. Diese Zertifikate können gehandelt werden, was einen wirtschaftlichen Anreiz zur Reduktion der Emissionen schafft.
Umsetzung:
•Die Obergrenze wird schrittweise gesenkt, um die Gesamtemissionen zu reduzieren.
•Versteigerungen und kostenlose Zuteilungen von Zertifikaten an Unternehmen, je nach Sektor und Wettbewerbsfähigkeit. Strenge Überwachungs-, Berichts- und Verifizierungsanforderungen für die teilnehmenden Unternehmen.
Zusammenfassung
Zielgruppen und Sektoren:
Das nEHS richtet sich heute an den privaten Bereich (Haushalte und Verkehr), während das EU ETS auf große industrielle Emittenten und die kommerzielle Luftfahrt abzielt.
Mechanismus:
Beide Systeme verwenden CO2-Bepreisung als Hauptmechanismus,
aber das nEHS arbeitet mit festen Preisen und jährlichen Erhöhungen,
während das EU ETS ein Cap-and-Trade-System ist.
Zielsetzung:
Beide Systeme haben das Ziel, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, aber das EU ETS zielt auf eine EU-weite Reduktion ab, während das nEHS nationale Klimaschutzziele unterstützt.
Diese Unterschiede verdeutlichen, wie verschiedene Emissionshandelssysteme spezifisch auf die jeweiligen Zielgruppen und Emissionsquellen zugeschnitten sind, um eine effektive Reduktion der Treibhausgasemissionen zu erreichen.
Der Verkehrssektor – Überblick
Einführung in den EU ETS 2 und seine Auswirkungen auf den Verkehrssektor:
Der EU ETS 2 wird den Verkehrssektor in den Emissionshandel einbeziehen, wodurch Kraftstofflieferanten CO2-Zertifikate kaufen müssen. Dies führt zu einer Erhöhung der Kraftstoffkosten, die an die Verbraucher weitergegeben werden
(Climate Action) (Homaio).
Vergleich zwischen dem nationalen Emissionshandel und dem EU ETS 2:
Der nationale Emissionshandel zielte bisher auf moderate CO2-Preise, während der EU ETS 2 strengere Vorgaben und höhere CO2-Preise erwartet
(Climate Action) (Homaio).
Zielsetzungen und erwartete Ergebnisse:
Reduktion der CO2-Emissionen, Förderung emissionsarmer Technologien und Anpassung an europäische Klimaziele
(Climate Action).
Prognostizierte CO2-Preise und deren Einfluss auf Kraftstoffpreise:
Prognosen zeigen, dass CO2-Preise auf 55-65 Euro pro Tonne ansteigen könnten, was eine Verteuerung von Benzin und Diesel um ca. 10-15 Cent pro Liter zur Folge hätte.
Andere Quellen prognostizieren jedoch höhere Preise von bis zu 200 Euro pro Tonne, was signifikant höhere Kosten für Kraftstoffe bedeuten würde (Climate Action) (Homaio) (KAPSARC).
Finanzielle Implikationen Verkehr
Berechnung der erwarteten Mehrkosten für den Betrieb von Verbrenner-PKW:
Ein Durchschnittsfahrer könnte mit
jährlichen Mehrkosten von 150-200 Euro rechnen.
Bei einem CO2-Preis von 200 Euro pro Tonne könnten die Mehrkosten jedoch deutlich höher ausfallen, möglicherweise über 500 Euro pro Jahr (Homaio).
Beispielrechnungen für typische Fahrzeugnutzungen:
Bei 15.000 km/Jahr und einem
Verbrauch von 7 l/100 km könnten die jährlichen Mehrkosten bei etwa 180 Euro liegen,
bei höheren CO2-Preisen entsprechend mehr.
Langfristige Perspektiven:
Kostenentwicklung und mögliche Anpassungsstrategien für Verbraucher:
Langfristige Erhöhungen der CO2-Preise könnten weitere Kostensteigerungen bringen, während Elektromobilität und alternative Antriebe kosteneffizienter werden (Homaio) (KAPSARC).
Der Gebäudesektor – Überblick
Einführung in den EU ETS 2 und seine Auswirkungen auf den Gebäudesektor:
Der EU ETS 2 wird den Gebäudesektor in den Emissionshandel einbeziehen, was die Heizkosten und Energieeffizienzmaßnahmen beeinflusst (Climate Action) (Homaio).
Vergleich zwischen dem nationalen Emissionshandel und dem EU ETS 2:
Der nationale Emissionshandel hatte bisher moderate CO2-Preise, während der EU ETS 2 strengere Regulierungen und höhere CO2-Preise vorsieht (Climate Action).
Zielsetzungen und erwartete Ergebnisse:
Reduktion der CO2-Emissionen im Gebäudesektor, Förderung energieeffizienter Sanierungen und Anpassung an europäische Klimaziele (Climate Action).
Prognostizierte CO2-Preise und deren Einfluss auf Heiz– und Energiekosten:
Der CO2-Preis könnte auf 55-65 Euro pro Tonne steigen, was Heizöl und Erdgas verteuern würde.
Höhere Preisprognosen deuten jedoch darauf hin, dass die Preise auf bis zu 200 Euro pro Tonne steigen könnten, was die Heizkosten erheblich erhöhen würde (Homaio) (KAPSARC).
Finanzielle Implikationen Gebäude
Berechnung der erwarteten Mehrkosten für den Betrieb von Wohngebäuden:
Für ein Einfamilienhaus könnten die jährlichen Mehrkosten bei etwa 200-300 Euro liegen.
Bei einem CO2-Preis von 200 Euro pro Tonne könnten die Mehrkosten jedoch über 1.000 Euro pro Jahr betragen (Enerdata) (Homaio).
Beispielrechnungen für typische Wohnsituationen (Ein– und Mehrfamilienhäuser):
Ein Einfamilienhaus mit einem Verbrauch von
20.000 kWh Gas könnte jährliche Mehrkosten von etwa 220 Euro haben,
bei höheren CO2-Preisen entsprechend mehr.
Langfristige Perspektiven:
Kostenentwicklung und mögliche Anpassungsstrategien für Verbraucher:
Langfristige Erhöhungen der CO2-Preise könnten weitere Kostensteigerungen bringen, während energieeffiziente Modernisierungen und alternative Heizsysteme kosteneffizienter werden (Homaio).
Fazit
Bei der Entscheidung, wann und in welcher Form vor allem die Wärmelösung im Wohngebäude erneuert wird, spielt oft „nur“ die aktuelle Preissituation der benötigten Energieträger sowie die Fördersituation und v.a. auch die Beeinflussung durch politische Diskussionen eine große Rolle.
Die Preisentwicklung der Energieträger wird aber schon in sehr kurzer Zeit – bezogen auf die Laufzeit von Heizsystemen im Gebäude – stark durch CO2 Kosten beeinflusst werden. Dies wird oft nicht beachtet.
Eine Herausforderung ist die Unsicherheit, wie sich die Zertifikatskosten hier am Markt einpendeln werden. Die Spanne von ca. 60 EUR bis über 200 EUR macht eine Entscheidungsfindung heute eher schwierig. Allerdings ist durch das „Cap and Trade“ System mit schnell absinkendem Volumen von Zertifikaten am Markt eigentlich klar, dass mittel- und langfristig die Wirtschaftlichkeit fossiler Heizlösungen stark beeinträchtigt wird. Von der ökologischen Sinnhaftigkeit mal ganz abgesehen.
Beim Verkehr sind Anschaffungen i.d.R. weit weniger langfristig, allerdings sollte man den Werterhalt bei Gebrauchtwagen für den Wiederverkauf im Blick halten.
Unsere Quellen
Viele Absätze sind direkt mit Quellen versehen, im Text wird aber auch auf folgende Quellen verwiesen, bzw. finden sich hier weitere interessante Informationen:
1) Energiemonitoring Bericht der Expertenkommission des Bundes, 26.06.24 https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/monitoringbericht-expertenkommission-zum-energiewende-monitoring.html
2) Lage der Nation Podcast, Kap. 5 & 6 Episode 389, 27.06.24, https://lagedernation.org/podcast/ldn389-assange-ist-frei-investieren-trotz-schuldenbremse-so-gehts-stand-der-energiewende-emissionshandel-fuer-verkehr-und-gebaeude-ets2-klagen-gegen-klimaschutzgesetz-wie-die-afd-gemeinnuetzi/
3) Umsetzung des ETS II und des Klima-Sozialfonds in Deutschland, Studie 2/4, FÖS + Öko-Institut, Feb 2024, https://foes.de/publikationen/2024/2024-02_KAD_ETS2-KSF.pdf
4) ETS II : buildings, road transport and additional sectors, European Commission,
https://climate.ec.europa.eu/eu-action/eu-emissions-trading-system-eu-ets/ets2-buildings-road-transport-and-additional-sectors_en
5) Emmissionshandel verstehen, Deutsche Emissionshandelstehlle (Umweltbundesamt): https://www.dehst.de/DE/Nationaler-Emissionshandel/nEHS-verstehen/nehs-verstehen_node.html
6) Gesetz über einen nationalen Zertifikatehandel für Brennstoffemissionen (Brennstoffemissionshandelsgesetz – BEHG), https://www.gesetze-im-internet.de/behg/BJNR272800019.html
7) Haushaltsfinanzierungsgesetz Haushalt 2024 https://www.recht.bund.de/bgbl/1/2023/412/VO.html